Stress hat viele Gesichter

„Das Leben ist kurz, weniger wegen der kurzen Zeit, die es dauert, sondern weil uns von der kurzen Zeit fast keine bleibt, es zu genießen.“                                  (Jean-Jaques Rousseau)

Stress und die damit verbundenen Faktoren sind vielfältig und individuell. Die Wahrnehmung von Stress in unserem Gehirn ist abhängig von vielen Einflüssen, wie Persönlichkeitsstrukturen, Erfahrungen oder aktueller Verfassung. Stressempfindungen können in uns selbst entstehen (endogene Stressoren) oder von außen (exogen) auf uns wirken. Typische exogene Faktoren sind Überbelastung im Berufsleben, Existenz- und Zukunftsängste oder Erkrankungen, besonders chronische Leiden. Endogene Stressfaktoren sind häufig Ängste, Selbstzweifel oder das ewig kreiselnde Gedankenkarussel, was uns nicht zur Ruhe kommen lässt. Wechselwirkungen zwischen endogenen und exogenen Einflüssen sind oft zu beobachten und können sich auch auf körperlicher Ebene äußern. Stellen Sie sich die Auswirkungen von chronischem Schlafmangel vor, der entsteht weil Sie nicht zur Ruhe kommen und Ihre Gedanken nicht loslassen können. Sie erwachen müde und gerädert, müssen zur Arbeit und Leistungen erbringen. Vielleicht haben Sie auch noch eine(n) Kollegen/in, der/die Ihnen einiges an Toleranz abverlangt und einen Berg von Arbeit, der termingerecht bewältigt werden muss. Auf Grund der dauerhaften Übermüdung reagieren Sie gereizt, es kommen Kopfschmerzen dazu und Ihr Chef/in hat etwas an Ihrer Arbeit zu beanstanden. Sie nehmen eine Kopfschmerztablette, arbeiten länger, um Ihre/n Vorgesetzte/n nicht noch weiter zu verärgern. Nach einem langen Arbeitstag kommen Sie nun erschöpft nach Hause, sind unzufrieden mit sich, die Kopfschmerzen sind immer noch da und an einen erholsamen Schlaf ist nicht zu denken. Sobald Sie im Bett liegen werden die Gedanken wieder laut.

„Stress ist ein subjektiv unangenehmer Spannungszustand, der aus der Befürchtung entsteht, eine aversive Situation nicht ausreichend bewältigen zu können.“ (Zapf und Semmer 2004)

Ich erlebe es in meinen Kursen häufig, dass sich Teilnehmer/innen für ihre Empfindungen rechtfertigen: „Ich weiß, andere haben viel mehr Stress als ich, aber ich fühl mich trotzdem ausgebrannt“. Das Gefühl des Betroffenen ist absolut real und sollte von ihm/ihr und dem unmittelbaren Umfeld anerkannt werden! Es erfordert sicher manchmal besondere Toleranz und Empathie, sich in andere Personen hinein zu versetzten und zu akzeptieren, dass jeder Mensch eine andere Reizschwelle hat, innere und äußere Herausforderungen zu bewältigen. In erster Linie sollten wir aber bei uns selbst anfangen, in dem wir achtsam und wohlwollend mit unseren Empfindungen umgehen und uns eingestehen, wenn wir auf chronische Stressbelastungen nicht mehr adäquat reagieren können.

Das Bewusstsein und die Sensibilisierung für Stress und dessen gesundheitsschädliche Auswirkungen hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Denke ich an meine Großelterngeneration und spreche auch mit Ihnen, erhalte ich andere Aussagen, als in Gesprächen mit der Generation meiner Eltern oder mit Gleichaltrigen (ich bin Mitte dreißig). In einem langen Gespräch mit meiner Oma, die den Zweiten Weltkrieg erlebte, DDR-Zeit, Mauerfall und Veränderung bestehender politischer Systeme ist Stresswahrnehmung überhaupt nicht bis wenig präsent. Sie beschrieb mir die persönlichen und strukturellen Ereignisse, die aus meiner Sicht hätten Stress verursachen müssen, eher als Schicksalsschläge, mit denen man umgehen müsse oder als Probleme die zu lösen sind. Nun könnte man davon ausgehen, dass meine Generation, die Krieg und politische Umbrüche in der Form nicht selbst erlebt hat (zumindest nicht in einem Alter, in dem wir eigenverantwortlich handeln mussten) und der vermeintlich alle Türen für ein freies selbstbestimmtes Leben offenstehen, glücklich und zufrieden leben sollte. Oder jagen wir unserem Anspruch nach individueller Vollkommenheit, Abenteuer, aber auch Sicherheit wahnhaft hinterher und vergessen zwischendurch einfach mal zufrieden und dankbar zu sein?

Stress hat viele Gesichter…

…und gab es zu jeder Zeit. Jede Generation hat/hatte ihre Herausforderungen, die Anpassungsvermögen und Durchhaltekraft brauchen, um den eigenen Lebensweg und das persönliche Glück zu finden. Vielleicht ist es die größte Herausforderung meiner Generation aus all den Möglichkeiten, Informationen und Angeboten herauszufiltern, wer wir eigentlich sein möchten und nicht so zu sein, wie uns suggeriert wird sein zu müssen.

Jean-Jaques Rousseau lebte von 1712-1778. Er war Philosoph, Pädagoge und Naturforscher der Aufklärung und überlieferte uns das wunderschöne und vor allem zeitlose Zitat (s.o.). Wir sollten auf ihn hören und nicht nur darüber nachdenken, was wir alles wollen, sondern einfach mal zu sein…

 

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